Meinung
Die Berichterstattung deutscher Medien über den
Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah ist einseitig und stellt die
Terrororganisation Hisbollah mit dem Staat Israel auf eine Stufe
von Sarah Maria Sander 26.03.2025 15:47 Uhr
Israel habe »wieder« den Libanon angegriffen,
berichtete die »Tagesschau« neulich. Zuvor hatten in der nordisraelischen Stadt
Metulla erstmals seit Wochen wieder die Sirenen geheult. Grund war der massive
Beschuss aus dem Libanon gewesen.
Im ARD-Bericht hieß es dann aber nur, Israel gefährde
mit seinen Angriffen die Waffenruhe. Diese sei nach »monatelangen Kämpfen
zwischen der Hisbollah-Miliz und Israel« im Oktober 2023 in Kraft getreten und
zuvor mehrfach von beiden Seiten verletzt worden, so die »Tagesschau«.
Nicht nur wird mit dieser Wortwahl Israel
gleichgesetzt mit einer auch von Deutschland als Terrororganisation
eingestuften Miliz. Es wird auch so getan, als seien beide Seiten gleichermaßen
für den Konflikt verantwortlich. Doch in Wahrheit war der Beschuss auf den
Norden Israels nicht das Ergebnis eines eskalierten »gegenseitigen Konflikts«.
Grund waren vielmehr die monatelangen Angriffe durch die Hisbollah, die das
Leben von Zivilisten auf beiden Seiten der israelisch-libanesischen Grenze
gefährdeten und ein Leben dort fast unmöglich machten.
Die Bewohner der nördlichen Kibbuzim direkt an der
Grenze zum Libanon erzählten mir mehrfach von ihrer Angst vor einem Überfall.
Unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 rechneten sie damit, dass sich die
Hisbollah der Hamas anschließen würde, um von Norden her anzugreifen.
Es wäre eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes
gewesen, da die Kibbuzim zu diesem Zeitpunkt vollkommen schutzlos waren. Familien
flüchteten in Panik, nahmen alles mit, was sie schnell in Taschen packen
konnten und verließen ihre Häuser. Diese sollten sie für viele Monate nicht
wiedersehen. Manche suchten Zuflucht bei Verwandten im Landesinneren, andere
wurden nach der Evakuierungsanordnung des Staates in Notunterkünfte und Hotels
gebracht, welche zu Flüchtlingslagern wurden.
Der Terror der Hisbollah war vollkommen willkürlich.
Er richtete sich gegen zivile Einrichtungen und hinterließ eine Spur der
Zerstörung. Über die wurde in den deutschen Medien jedoch kaum berichtet. Statt
den Terror klar zu benennen, wurde er häufig als »gegenseitiger Beschuss«
dargestellt, ganz so, als gäbe es eine Gleichrangigkeit zwischen dem Staat
Israel und einer Terrororganisation.
Ich habe eine einfache Frage an die Journalisten der
führenden deutschen Nachrichtensender: Wo wart ihr in all diesen Monaten? Ihr
wart die meiste Zeit woanders, weiter im Süden. Ihr wart nicht da, um über die
Katastrophe im Norden Israels angemessen zu berichten. Ich weiß, wovon ich
spreche. Ich war von Juni bis November 2024 in den evakuierten Zonen des
Nordens, gemeinsam mit meinem Kollegen Alon David, der selbst aus dem Kibbuz
Dan kommt und weiß, was es bedeutet, mit Terroristen in der Nachbarschaft zu
leben.
Wir riskierten unser Leben, um zu dokumentieren, was
in der Region wirklich passierte, während ihr es versäumtet. Wir berichteten
aus dem Kriegsgebiet ohne Absicherungen, ohne die Ressourcen eines großen
Senders wie der ARD. Wir taten es freiwillig, weil uns das Schweigen über die
Geschehnisse dort unerträglich war.
Die Journalisten der Tagesschau und anderer deutscher
Medien haben die nötigen Ressourcen und die Reichweite, um vor Ort zu
berichten. Doch anstatt in den Norden Israels zu kommen, zogen sie es die
meiste Zeit vor, in Tel Aviv zu sitzen und dem jüdischen Staat alle möglichen
Kriegsverbrechen vorzuwerfen.
Im Oktober 2024, während zeitgleich im Kibbuz Dan die
Hisbollah-Raketen einschlugen, warnte Außenministerin Annalena Baerbock kurz
nach ihrem Besuch im Libanon vor einer völligen Destabilisierung der Region.
Sie appellierte an Israel, die Waffen ruhen zu lassen. Im selben Monat
kommentierte die »Tagesschau«, dass auch Hilfsorganisationen eine solche
Waffenruhe für den Libanon fordern würden.
Anfang November berichtete man dann ausführlich über
die israelischen Angriffe in Beirut und die vielen Toten und Zerstörungen, die
sie verursachten. Wieder wurde kaum erwähnt, dass diese Angriffe den Kämpfern
der Terrorgruppe Hisbollah galten.
Diese Einseitigkeit, dieses Framing der Geschehnisse,
diese Wortwahl und auch das Weglassen von Kontext führten dazu, dass ein
Großteil der deutschen Gesellschaft nach wie vor keine Ahnung hatte, was in
Israel passiert. Israel wird als Aggressor wahrgenommen in einem Krieg, der von
Terrororganisationen begonnen wurde.
Das ist kein guter Journalismus. Das ist kalkulierte
Einseitigkeit. Israel wird dämonisiert und dafür tragen auch deutsche
Medienschaffende Verantwortung. Der zunehmende Hass auf Israel und der damit
einhergehende Antisemitismus kommt nicht aus dem Nichts.
Ich finde, es reicht! Durch die verzerrte Darstellung
der Ereignisse im Nahen Osten wird die Öffentlichkeit in die Irre geführt. Das
hat Konsequenzen. Journalismus erfordert mehr als bloße Neutralität. Er
verlangt zuallererst eine klare Haltung. Er verlangt Verantwortungssinn, der
auch die Auswirkungen der eigenen Berichterstattung berücksichtigt.
Es ist an der Zeit, dass die Israel-Berichterstattung
deutscher Medien endlich differenzierter wird und dass nicht Terroristen die
Deutungshoheit haben, sondern ihre Opfer.
Die Autorin ist als freie Journalistin in Deutschland
und Israel tätig.